Politik zum Selbermachen

Eva Leipprand war Dritte Bürgermeisterin und Kulturreferentin der Stadt Augsburg. Davor hatte sie jedoch schon mehrere literarische Bücher veröffentlicht und arbeitete als Autorin und Literaturkritikerin u.a. für den Bayerischen Rundfunk, das Deutschlandradio und dem SWR sowie für mehrere große, überregionale Zeitungen, unter anderem die Augsburger Allgemeine, den Tagesspiegel, die Neue Zürcher Zeitung oder die Stuttgarter Zeitung. Ich traf Eva Leipprand zum ersten Mal im Rahmen einer gemeinsamen Buchveröffentlichung (Fluchtpunkt Augsburg: Ausländer, die in Augsburg lebten erzählten von ihrem Schicksal, 1990) und war mit der Zeitriss Redaktion stolz, sie auch in der Literaturzeitschrift abdrucken zu können. Ihre Politikkarriere unterscheidet sich somit von denen der Röslers und Söders, die eigentlich nie etwas anderes gemacht haben, als Politik. Erst ab 1996 war Leipprand in der Lokalpolitik tätig und ist auch heute noch im Stadtrat und hat sich noch immer ihren frischen, manchmal frechen Quereinsteigerblick bewahrt, auch wenn er manchmal erschrocken wirkt. Und genau darum geht es in ihrem neuesten Buch „Politik zum Selbermachen. Eine Gebrauchsanweisung“ (Suhrkamp Verlag, 11,95 Euro).

Hinterzimmer, Männerbünde, Ortsverbände, faule Kompromisse und Kleintierzüchter – wer hat schon Lust auf diese Ochsentour der Lokalpolitik? Wie fühlt man sich an einem regnerischen Samstag am Infostand in der Fußgängerzone? Wie geht denn das mit der Lokalpolitik eigentlich wirklich? Kann man das Aufplustern und Rumgockeln lernen? Die 63-jährige ehemalige Kulturreferentin hat sich auf das Experiment Kommunalpolitik eingelassen und ihre Erfahrungen in 22 Lektionen aufgeschrieben: Denn ja, man kann das lernen. Aber will man es auch? Bei der Betrachtung und bestimmt auch Verarbeitung vieler Jahre im Augsburger Stadtparlament ist eine unterhaltsame Gebrauchsanweisung herausgekommen, mit der man herausfinden kann, ob man für die praktische Politik geeignet sind. Am Ende jedes Kapitels finden sich „Verständnisfragen“, die dem Leser bei der Beantwortung der Frage helfen, ob man sich auf diesen sehr speziellen Job einlassen sollte oder nicht.

Auch wenn einem als Augsburger viele der beschriebenen Personen und Geschichten bekannt vorkommen: Es ist eben kein Augsburg-Buch, es ist auch gottseisgedankt keine Abrechnung mit Gegen- und Mitspielern aus der Zeit im Augsburger Rathaus geworden. Das wäre kleinlich gewesen und wäre wohl auch nur für wenige Insider spannend. Klar, bei vielen Szenen muss man einfach an Gesichter einzelner Lokalpolitiker denken; Leipprand kann bestimmt aus einem prächtig gefüllten Steinbruch wunderbare Skurrilitäten und verflixten Irrsinn schöpfen. Trotzdem – und ich kann mir vorstellen, dass es nicht leicht war – hat Leipprand ein Buch geschrieben, das eben über das spezifische Augschbrrgerische weit hinaus geht und wohl genauso auch in anderen Städten passieren kann. Nicht umsonst hat sich Suhrkamp als Verlag interessiert, der eben nicht für Lokalkrimis bekannt ist.
Lesenswert und unterhaltsam!

Siehe übrigens auch den heute erschienen Artikel in der Süddeutschen Zeitung: „Im Nest der Großmäuler“.

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