AUGSBURGBRECHTCONNECTED: Radionacht für Brecht

abc augburgbrechtconnectedVier Stunden Lyrik. Wer soll das aushalten? Kann man das überhaupt? Ja – man kann. Auch wenn sauna-artige Umstände dazu führen, das man versucht, weder zum linken noch zum rechten Nachbarn Körperkontakt zu haben. Jede Berührung führt zu Schweißflecken, jede wenn auch noch so leichte Annäherungen zu Mitlauschenden zu Hitzewallungen… Und trotzdem: Ja, Lyrik vier Stunden lang geht.

Wahrscheinlich kann man aber keine vier Stunden Brecht anhören. Jedenfalls dachten sich das wohl die vielen Autoren, die sich im Zehnminutentakt aneinanderreihten. So lasen sie eigene Texte – manchmal mehr, manchmal weniger, manchmal auch gar nicht von Brecht beeinflusst und wurden durch kurze Originaltexte, die von Schauspielern gelesen wurden unterbrochen. Darunter die samtstimmige Nina Kunzendorf oder auch Udo Samel.

Matthias Politycki startete den Abend der von dem Kurator des ABC Festivals, Albert Ostermaier und dem Autor Georg M. Oswald moderiert wurde. Politycki gab sich inspiriert von Brechts “Radwechsel” und las Reiselyrik, die mitunter schöne Pointen hatte. Unter anderem wurde so aus der Ode an einen heißen Kaffee der Ruf nach dem Kellner, und einer wirklich Bestellung. Auch Helmut Krausser begeisterte das Publikum mit seinem lakonisch-lamoryanten Stil. So darf bei ihm die Feldmaus – natürlich “IM FELDE UNBESIEGT!” – einen Tod finden. Krausser bleibt auch in seiner Lyrik wunderbarer Erzähler…

Auch Spoken Word Artists hatten ihren Auftritt: Neben dem GRANDFATHER des Poetry Slams – Marc Kelly Smith, er “erfand” das Genre – kam auch die Bambergerin Nora Gomringer (famoser Teamsieg beim National Slam 2005 in Leipzig, gestern Abend aber leider zu farblos, ja geradezu artig/brav, mädchenhaft) und ein genialer Franzose namens Antoine `To`Faure (Beatbox-Baal – megageil!) zum Zuge. Michael Lentz – vom Slam mittlerweile in der offiziös anerkannten Szene gelandet – verschwitterschwatterte mit seiner hohen nasalen Stimme einen Text (jedes Mal wieder ein Erlebnis – egal, was er gerade liest)…

Achja – und Musik. Naja. Irgendwie halt nett wie Kubin/Boombastik Brecht ironisieren. Und die anderen Bands – auch sie halt mal mehr mal weniger brechtig. Da keiner bisher von ihnen wirklich als Brecht-Schüler aufgefallen ist – übrigens genauso auch die Lyrikern nicht – muss man sich als vollkommener Laie der Materie natürlich fragen: Warum gerade waren sie da – warum nicht andere? Das bleibt ein Geheimnis. Aber vielleicht ein schönes Geheimnis – denn der Abend war gut. Auch ohne Brecht. Auch trotz des Schweißes…

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