abc Festival: Jochen Schmidt und Gabriel Vetter

Gabriel Vetter, Jochen Schmidt und Armin Kratzert (v.l.n.r.)Großartiges Nachmittagsprogramm: Gabriel Vetter und Jochen Schmidt im Poesie Café im Rahmen des abc Festivals. Wegen Regen war leider das Proramm vom Zeughausplatz-Biergarten in den alten Filmsaal verlegt worden und schlecht ausgeschildert worden – und so fand diese schöne Lesung & Gespräch eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Moderator war Armin Kratzert, der selber Schriftsteller, Kritiker und Journalist ist und zu den Initiatoren der Kultursendung Capriccio im Bayerischen Rundfunk gehört. Er lebt in München und schreibt Gedichte, Theaterstücke und Romane; zuletzt veröffentlichte er die Romane „Hundertmark“ (2006) und „Magnolia“ (2008).

Nachdem er eher zufällig einem Poetry Slam in Darmstadt als Zuschauer beiwohnte, beschloss Gabriel  Vetter, es selbst einmal auf der Bühne zu versuchen. Von seinen ersten 32 Slams ging Gabriel Vetter 28 Mal als Sieger hervor. Zudem setzte er sich beim größten Poetry Slam Europas, dem German International Poetry Slam 2004 in Stuttgart gegenüber 100 anderen Autoren im Einzel durch und wurde zum besten Slammer des Jahres im deutschsprachigen Raum gekürt. 2006 gewann er als bisher jüngster Preisträger den renommierten Kabarett-Preis „Salzburger Stier“.

Jochen Schmidt – Mitbegründer der Lesebühne Chausee der Enthusiasten in Berlin  und derzeit mit mehreren Büchern äußerst positiv im Gespräch (zuletzt Meine wichtigsten Körperfunktionen) hat ebenfalls seine Wurzeln in der Spoken Word-Szene.

Neben einer kurzen und sehr chamanten Vorstellung lasen zunächst beide Autoren aus ihren Texten. Jochen Schmidt startete mit „Mannheimer Melancholie“ – einer äußerst bizarren Schilderung eines Besuchs daheim bei den Eltern. Tja, wie geht man damit um, wenn die Menschen, die man am meisten liebt in der Stadt wohnen, die man gleichzeitig am unbeliebtesten ist? Innerhalb wenigen Sätzen hat die Mutter einen wieder entmündigt und der Vater fragt immer die gleichen Fragen beim gemeinsamen Fußballfernsehens…  Vetter begrüßte das Publikum mit dem schweizerdeutschen Kurztext „So.“ Knatterndknorzende Wortkaskaden – „da simma also“! Später präsentierte er noch seinen „Gächlingen“-Text, eine Antihommage an den Bus zwischen Schaffhausen und Schleitheim der dort einen der unnötigsten Busstops der Welt zu machen scheint.

Im gemeinsamen Gespräch gestand dann Vetter seine Herangehensweise an einen Text: Er hat von Beginn an sowohl Anfang als auch Ende seiner Texte im Kopf. Und dann fülle er einfach den Rest dazwischen auf, so Vetter. „Ich bin Autor und nicht Fan der Wirklichkeit!“ antwortete Schmidt auf die Frage, in wie weit er tatsächlich Erlebtes in seinen Geschichten verarbeitet. „Meine Mutter würde sich selber nicht in den Texten wiederfinden“, versuchte Jochen Schmidt sich gegen die Verwechslung von Ich-Erzähler/Protagonist und Autor der Geschichte zu wehren.

Hochinteressant war die Frage nach dem Brecht-Erbe. Während Gabriel Vetter sich als Nicht-Brecht-Kenner outete, erzählte Jochen Schmidt von seiner Jugend in Ost-Berlin. „Wir haben damals viel Brecht in der Schule gelesen!“ Wer jetzt aber im Publikum dachte, dass der DDR-Staat und verordneter Brecht-Kult den Spaß an dem Autor kaputt machte, lag aber komplett falsch: „Natürlich fanden wir den dialektischen Brecht eher langweilig – aber da gibt es ja noch den chinesischen, den bayerisch-existentialistischen Brecht!“ Und schließlich: „Für mich ist Brecht sehr, sehr wichtig!“

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