Tollhaus: 111. Slam im Augsburger Rathaus

Der 111. Poetry Slam in Augsburg, Autoren aus ganz Deutschland, Siegerehrung durch den Oberb├╝rgermeister pers├Ânlich, viele Bands, DJs und das alles auch noch im altehrw├╝rdigen Rathaus der Stadt Augsburg? Man kann sich vorstellen, dass das nur gut gehen konnte. Zum Tollhaus-Fest hatte am 14.11.2008 die Stadt einmalig das Tor des historischen Rathauses f├╝r die Augsburger Jugend ge├Âffnet. Als Dankesch├Ân f├╝r das politische Engagement junger Augsburger bei der Aktion 11Tausend schmiss die Stadt Augsburg eine fette Party im Herzen der Stadt. Folgend der Bericht zum Poetry Slam…

Nils Rusche, Vertreter Augsburgs beim German International Poetry Slam 2009 in Z├╝rich, machte das Opferlamm. Gekonnt heizte er das Publikum mit seinem Text „Die Tauben haben einen Plan“ an. Schon Noah watete kn├Âcheltief durch den Taubendreck – und die Plage zieht sich durch die Geschichte bis heute! Selbst Microsoft wird von Tauben gesteuert! Damit hatte Rusche nat├╝rlich die Lacher auf die Seite und perfekt auf den slammigen Abend vorbereitet!

Den Wettbewerb er├Âffnete Michael Friedrichs mit seinem Text „Schwangerschaft“. In seiner Betrachtung ├╝ber Gattungen und Begattungen spitzte er den Uterus-Neid der M├Ąnner lustig zu und am├╝sierte sich ├╝ber Erziehung als kreativen Prozess zur Selbstfindung von manchen Eltern. Friedrichs, selber gerade frisch Opa geworden, legte damit die Latte f├╝r die ihm nachfolgenden Slammer schon hoch an. Christian Ritter (W├╝rzburg) verschnitt in seiner Mediensatire einen ernsthaften Text ├╝ber den Unsinn des Fernsehens mit atemberaubend d├Ąmlichen Titeln von Talkshows, Boulevardmagazinen und Prekariat-Shows. Klasse! Der dritte Beitrag kam von Betty & Nero. Beide sind vielen bestimmt aus einigen Augsburger Slams bekannt – sie waren ├Ąu├čerst erfolgreiche Teilnehmer der Poetry Slam Workshops des frisch eingestellten abc Festivals zu Bertolt Brecht. Sie performten zusammen einen Text von Nero: „H├Ąnsel und Gretel“. Letzter im ersten Block war Martin Geier aus Wei├čenburg. „Im Bett mit Tanja“ klappt leider gar nichts – und als dann ausgerechnet ihr Exfreund und zugleich sein WG-Mitbewohner an der T├╝r klopfte, half nur noch ein Splitterbruch des gro├čen Zehs vor dem Schlimmsten hinweg! Absurd schmerzhaft und sehr komisch! Die Publikumsjury klatschte Ritter ins Finale.

Ohne Pause ging es heiter weiter in die zweite Runde. Der Flensburger Christian Seiffert berichtete von seiner Band, die mit Gothic-Musik versuchte, auf ihrem Abiball zu punkten. Drei Akkorde und der d├╝stere Text „Komm doch lieber Sensenmann!“ z├╝ndete aber anscheinend bei der Veranstaltung nicht und so war die musikalische Karriere schon bald wieder vorbei. Musikalisch sollte es auch weitergehen: Die beiden Hip Hopper Jamal und Costel freestylten zun├Ąchst ├╝ber die bis zu dem Zeitpunkt auf dem Slam geh├Ârten Texte um dann das Leben in Oberhausen aufzugreifen. Costel ├╝bernahm dabei den Part der menschlichen Taktmaschine und beatboxte grandios, w├Ąhrend Jamal hei├če Reime pflegte. Nico Semsrott (Hamburg) lebte seine Depression aus. „Ich habe kein Motivationsproblem – ich bin eins!“, so Semsrott. Er f├Ąngt soviel in seinem Leben an, das er sogleich wieder abbricht, dass er nun ein Abbruchunternehmen starten m├Âchte. Auf der gleichen Suche nach Lebensfreude machte sich die Protagonistin der letzten Autorin des Abends, Cornelia Koepsell. In „Tausenduneinenacht“ macht sich diese auf, um in der W├╝ste in einer Reisegruppe Liebe zu finden. Semsrott wurde ins Finale gew├Ąhlt.

Frei nach Tucholsky pr├Ąsentierte Christian Ritter „Deutsch f├╝r Anf├Ąnger“: eine Liste, was alles verboten ist, was man alles nicht machen darf, was man nicht betreten soll, wo man nicht laut sein darf etc. Nico Semsrott nutzte das Finale f├╝r seinen Panik-Text. Wissenschaftler haben ja herausgefunden, dass es vollkommen egal ist, was man in den ersten Minuten eines Vortrages sagt – „Ihr Penner!“. Die Publikumsbeschimpfung kam an (oder wurde tats├Ąchlich vergessen) und so wurde er auch als Sieger des 111. Augsburger Poetry Slams gew├Ąhlt. Er erhielt die Ehrenmedaille der Stadt Augsburg und den B├╝chergutschein von B├╝cher Pustet, der zu Ehren des Anlasses auch auf 50 Euro verdoppelt war! Christian Ritter erhielt als zweiter Sieger ein Augsburger Brecht-Buch, das genauso wie der erste Preis vom Oberb├╝rgermeister der Stadt Augsburg Kurt Gribl pers├Ânlich verliehen wurde!

W├Ąhrend die Slammer sich noch freudestaumelnd umarmten, startete drau├čen vor dem Sitzungssaal im Oberen Fl├Ątz des Augsburger Rathauses schon Me (Soloprojekt des Ex-Nova International Frontmanns Michi Kamm), nach ihnen folgte ebenso genial La Brass Banda. Bis drei Uhr nachts wurde im Rathaus gefeiert, getanzt und in der Karaokebar lauthals gesungen. Ein Spitzenabend! Gratulation an den Veranstalter Stadtjugendring, der echt klasse Arbeit geleistet hat, das Rathaus komplett zu verzaubern: Wem geh├Ârt das Rathaus? Uns!

Der n├Ąchste Slam findet am 19.12. wieder in der Kresslesm├╝hle statt.

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