Open Source in der Kultur

Open Source Software ist auf dem Vormarsch und immer mehr Firmen und Privatpersonen in aller Welt nutzen Open-Source-Software. Open Source – das steht zum Einen für quelloffene Software, also dass der Quelltext eines Programms frei erhältlich ist. Zum Anderen “offene Quelle“, also dass ein Werk kostenlos zur Verfügung steht. Spätestens seit die Europäische Union die Empfehlung ausgesprochen hat, bevorzugt Open-Source-Software einzusetzen, wurde auch Zweiflern bewusst: Bei Software mit frei zugänglichen Quellcodes geht es längst nicht mehr um Spielzeuge pickliger Computercracks ohne Freundinnen, sondern um Systeme von Profis für Profis. Open Source Applikationen sind für Unternehmen mittlerweile eine valide Alternative.

Wired Nov 2004Software selber ist interessant. Noch spannender ist jedoch Open Source Music und die Bereitstellung von anderen künstlerischen Werken, wie zum Beispiel auch Texte, nach den Regeln, die für Open Source erstellt worden sind. Das amerikanische Magazin Wired hat im letzten November eine Open Source CD herausgebracht. Mit dabei Künstler wie die Beastie Boys, David Byrne und viele weitere. Toll: die Lieder lassen sich sogar jetzt noch kostenlos downloaden.
Freesound ProjectGlücklicherweise war ich zu dem Zeitpunkt gerade in San Francisco und konnte mir vor Ort das Heft inklusive CD kaufen. Wer sich für mehr freie Musik interessiert, bekommt übrigens enorme Mengen beim Freesound-Projekt.

Während sich für Software die Regeln für Open Source unter den sogenannten General Purpose License – kurz GPL – etablierte, hat sich für Künstler die Creative Commons Lizenz entwickelt. Beide Lizenzregeln haben einen sogenannten impfenden Charakter: Wenn eine Software oder ein Kunstwerk (sagen wir einmal ein Musikstück) unter der Lizenz steht, so sind auch alle weiteren daraus abgeleiteten Programme oder Musikstücke (zum Beispiel verwendete Samples in einem anderen Musikstück) auch unter der gleichen Lizenz. Kritiker sehen das als Einschränkung ein – für Mitglieder der Open Source Community ist das jedoch ein wesentliche Motivation, die eigenen Werke freizugeben, um an denen der Anderen ebenso teilhaben zu können.

Creative Commons Lizenz
Bei künstlerischen Werken hat sich jedoch Creative Commons, eine Non-Profit-Organisation, die im Internet verschiedene Standard-Lizenzverträge veröffentlicht, anders als etwa GPL eine starke Abstufung der Freiheitsgrade für die Weiterverwendung vorgesehen: von Lizenzen, die sich kaum vom völligem Vorbehalt der Rechte unterscheiden, bis hin zu Lizenzen die das Werk in die Public Domain stellen, d.h. bei denen auf das Copyright ganz verzichtet wird. So habe ich mich während dem Schreiben dieses Artikels entschieden, dass die hier geposteten Texte unter einer Creative Commons Lizenz stehen – siehe auch die Erwähnung im Impressum.

Aber ich möchte noch einmal nachhaken: Open Source? Was machen denn die Leute, die von den eigenen Kunstwerken oder journalisitischen Texten leben müssen? Geht es dabei etwa um den sozialistischen Traum, in dem alle Menschen aus reiner Gutmütigkeit kostenlos für die anderen arbeiten? Und stimmt das denn wirklich? Zum Beispiel Linux: während sich viele Programmierer aus purem Interesse an der Sache unbezahlt diie Nächte um die Ohren zu schlagen, um ein Betriebssystem zu verbessern und die notwendigen Arbeitsumgebungen und Tools dafür bereit zu stellen, verdienen Systemintegratoren und Distributoren (also, die, die die einzelnen Softwaren zusammensammeln und auf CDs verkaufen – wie zum Beispiel Suse oder Red Hat) damit Geld und sind sogar börsennotierte Unternehmen. Oder die Open Source Aktion der Zeitschrift „Wired“: für den Verlag war das eine klasse Werbeaktion! Was hat aber der Künstler davon?

Auch stelle ich mir dabei die Frage: Was bedeutet aber Open Source für die Gesellschaft? Persönlich habe ich nioch nicht die richtige Antwort gefunden, sondern nur das diffuse Gefühl, dass das eine verdammt gute Idee sein könnte. Eine konkretere Antwort suche ich noch. Letzten Winter plante ich an einer Veranstaltungsreihe zu diesem Thema und habe das Ganze auch noch nicht aufgegeben…

Ich fragte meinen Freund Gerald Fiebig zu diesem Thema. Gerald erhielt für die Zeitschrift „Zeitriss – Blätter zur Sprachbewegung“ gemeinsam mit Jürgen Jäcklin, Matthias Wagner und mir den Kunstförderpreis der Stadt Augsburg 1995 und noch einmal alleine 2004. Jetzt hat er sein letztes und soeben erschienenes Buch „geräuschpegel“ unter die Creative Commons Lizenz gestellt.

HT: Eben ist Ihr neues Buch erschienen – erst einmal Gratulation! Sie haben das Buch unter die Creative Commons Lizenz gestellt. Warum?

Gerald FiebigGerald Fiebig: Weil Kultur nicht nur von einzelnen Genies gemacht wird, die allein aus ihrem Kopf schöpfen – sondern immer aus der produktiven Aneignung von Ideen anderer entsteht, die man weiterführt. Das gilt für die Kunst, wo sich jeder Künstler an Vorbildern abarbeitet, um seinen eigenen Stil zu finden. Viel wichtiger aber ist dieser Dialog in allen Bereichen von Technik und Wissenschaft, wo es um die Verbesserung der Lebensbedingungen für möglichst viele Menschen geht. Stellen Sie sich vor, Ärzte würden ihre Forschungsergebnisse für sich behalten, anstatt sie zu veröffentlichen und so mit anderen Medizinern zu teilen – unser aller Lebenserwartung wäre dramatisch niedriger. Leider stellt das Urheber- und Patentrecht häufig den Schutz von Eigentumsrechten so stark in den Vordergrund, dass Entwicklungen im Sinne des Gemeinwohls behindert werden. Ich sehe die Open-Source-Bewegung als eine wichtige Strategie, diese Behinderungen aufzuheben, und möchte sie mit meiner eigenen Arbeit zumindest symbolisch unterstützen.

HT: Sie haben jetzt schon mehrere Bücher publizieren können. Was sagt denn Ihr Verlag zu der ungewöhnlichen Lizensierung? Hat der Verlag nicht Angst, dass ihm Geld entgeht, weil jemand die Texte auf eine Webpage stellt?

geräuschpegelGerald Fiebig: Mein Wunsch, den Band „geräuschpegel“ unter einer Creative-Commons-Lizenz zu publizieren, stieß beim yedermann Verlag auf offene Ohren. Nun können dem Verlag bei einem Gedichtband, der sich ohnehin nur an eine sehr überschaubare Leserschaft wendet, keine riesigen Profite entgehen. Ich denke aber, dass gerade für profitorientiert arbeitende Verlage diese Lizenz extrem interessant ist. Stellen Sie sich vor, ein Roman, der in einem Verlag erschienen ist und im Buchhandel verkauft wird, wird kostenlos online gestellt. Nur ganz wenige Leute werden einen kompletten Roman am Bildschirm lesen wollen oder gar in Form eines 400 Blatt umfassenden Stapels von Ausdrucken. Sie werden den Roman nur anlesen, und wenn sie ihn gut finden, kaufen sie ihn vielleicht oder empfehlen ihn weiter. Der Werbeeffekt für das gedruckte, kostenpflichtige Verlagsprodukt würde deutlich überwiegen. Und ein Werbeeffekt wäre es auch, wenn Zitate aus dem Roman in neue Werke einfließen würden, in denen wiederum auf den Ausgangstext verwiesen würde.

HT: Warum sollten Künstler sich für die Creative Commons Lizensierung entscheiden? Wie können diese trotzdem noch Geld verdienen?

Gerald Fiebig: Die Creative-Commons-Lizenz bezieht sich immer nur auf einzelne Werke, das heißt, jeder Künstler kann genau definieren, welche seiner Arbeiten er in welchem Maße kommerziell verwerten will. Unter www.creativecommons.org sind die sehr differenzierten Möglichkeiten der Lizenzierung anschaulich dargestellt. Am heftigsten umstritten ist die Lizenz sicher im Musikbereich, weil die Musikindustrie darin nach MP3 und File-Sharing eine weitere Bedrohung ihrer Existenzgrundlage sieht. Die Musiker selbst können die Lizenz taktisch nutzen. Haben sie keinen Plattenvertrag, können sie damit ihre Musik kostenlos oder kostenpflichtig zum Download anbieten und z.B. Remixes ihrer Arbeit erlauben, die den Remixer nichts kosten, aber den Namen des Musikers bekannter machen. Bands mit Plattenvertrag können ihre Aufnahmen auf Tonträger verkaufen, aber zugleich Remixes und Coverversionen erlauben, die neue künstlerische Wege und neue Publikumsschichten eröffnen. Man sieht daran: Die Creative-Commons-Lizenz ist keineswegs an sich eine antikapitalistische Kampfmaschine. Insofern sie dem freischaffenden Künstler sogar eine größere Flexibilität bei der Verwertung seiner Urheberrechte ermöglicht, korrigiert sie sogar eher Verzerrungen des freien Wettbewerbs, die durch die Übermacht der Verwertungsrechte (etwa in Gestalt der Plattenfirmen) gegenüber den geistigen Urheberrechten entstehen. Im Kontext des deutschen Urheberrechts, das die geistigen Urheberrechte höher bewertet, besteht diese Verzerrung kaum – aber da international relevante Verträge, und zumal Software-Lizenzen, US-amerikanischem Recht folgen, ist das leider ein weltweites Problem.

HT: Was ist Ihre Vision für die Open Source Bewegung in der Kunst?

Gerald Fiebig: Dass Künstler, die von ihrer Kunst leben wollen, dafür nicht die Verfügung über Ihre Werke allein an die Verwertungsfirmen abgeben müssen. Aber auch, dass Künstler, die mit ihrer Kunst gar kein Geld verdienen wollen, ernster genommen werden – und dass es für solche Leute leichter wird, Auftragsarbeiten und eigenständige künstlerische Arbeiten klar voneinander zu trennen. Davon erhoffe ich mir einen entspannteren Umgang mit dem Begriff des Autors/Künstlers/Urhebers, ein klareres Bewusstsein dafür, dass Kultur aus dem Dialog von Menschen und Texten entsteht, und vielleicht sogar, dass mehr kollektiv geschaffene Werke entstehen, mit einem Erkenntnispotenzial, das über das eines einzelnen Autors hinausgeht.

Horst Thieme: Ich bedanke mich für das Gespräch!

  1. Kommentar zu Open Source in der Kultur von e-Thieme » Blog Archive » Digital Rights Management - Jetzt als Open Souce Projekt

    […] Siehe auch weitere Artikel zu Open Source: Open Source in der Kultur und Comfort Stand – Freie Musik für die Massen!. […]

  2. Kommentar zu Open Source in der Kultur von e-Thieme » Blog Archive » Comfort Stand - Freie Musik für die Massen!

    […] Siehe auch: Open Source in der Kultur […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.