Nur in der Vergangenheit ist man groß – Augsburg, eine Stadt in der Selbstfindung (Eine Momentaufnahme)

Willkommen in der Mogelpackung

Neulich kaufte ich mir ein teures Parfum. Ich griff im Regal des Kaufhauses nach der gewünschten Packung, zahlte und ging damit nach Hause. Am nächsten Morgen riss ich die Kartonage auf und fand – einen zweiten Karton! In diesem steckte dann eine weitere Kartonage, die zur Fixierung des Flakons diente. Die Flasche selber war im Endeffekt nur halb so hoch, wie die Verpackung es mir vortäuschte. Na super: schon wieder reingefallen! Obwohl das Parfum eigentlich toll ist, war es mir an diesem Tag verleidet. Kommt dieses Gefühl bekannt vor?

Installation von Peter LochmüllerGenau dieses Gefühl nämlich vermittelt oft auch Augsburg: Augsburg ist ein Ort, an dem man sich sehr oft verwundert die Augen reibt. Beispiel Kunst: Ausstellungen in Augsburg werden gerne als “weltweit einzigartig” betitelt. Was bei der großartigen Adrian-de-Vries-Ausstellung im Jahr 2000 vielleicht sogar noch stimmte, war spätestens bei der Miró-Schau nur noch leere Worthülse. Denn “weltweit einzigartig” bedeutet noch lange nicht, dass diese Ausstellungen auch weltweit beachtet werden. Entschuldigung, dass man es noch einmal sagen muss: Aber dass die Dalí-Ausstellung tatsächlich “weltweit einzigartig” war – wenn auch anders als beworben – wurde hier fast komplett unter den Teppich gekehrt. Bundesweit wurde breit darüber berichtet (z.B. vom renommierten Kunstmagazin “art” unter dem Titel “Skandalös, geschmacklos und bedenklich”), dass hierbei dreiste Fälschungen zu sehen seien: Bloß in Augsburg war alles ganz unaufgeregt.

Schlagwörter ohne Inhalt

Andere Beispiele? Die Stadt schimpft sich “Universitätsstadt” – und man nimmt die Anwesenheit mehrerer Hochschulen nicht einmal im Ansatz war. Wo sind die intellektuellen Köpfe, die das Stadtleben prägen oder mitgestalten, sei es kulturell oder politisch? Aber Augsburg nennt sich ja schließlich auch “Brechtstadt” – und keinen kümmert’s wirklich. Außer einem pflichtgemäßen Lippenbekenntnis und Ablasshandel mit Brechttagen und -preisen passiert hier nichts. Also alles frei nach dem Motto: “Stell dir vor, wir sind Brechtstadt und keinen interessiert’s …”
Und es geht weiter: eine Stadtregierung, die von Augsburgs einziger lokalen Tageszeitung gehetzt wird (die dafür wiederum vom Deutschen Presserat mehrfach gerügt wurde). Eine Bewerbung als “Kulturhauptstadt Europas”, die sowohl inhaltlich danebenging als auch politisch nicht durchsetzbar war (rot-grüne Stadtregierung versus schwarze Landesregierung). Eine Stadtentwicklung, die blauäugig bei Investoren auf das Gute im Menschen setzt. Eine Wirtschaftspolitik, die noch gesucht wird. Was geht hier schief?
Augsburg ist eine Stadt, die sich Stück für Stück aufgibt: Neuralgische Punkte der Innenstadt werden nahezu kampflos einseitigen Interessenvertretern wie dem Einzelhandelsverein “City Initiative Augsburg” (CIA) überlassen. Aus dem Elias-Holl-Platz wird eine billige Reklamefläche mit infantiler “Wichtel”-Werbung. Auf der Maximilianstraße werden Ballermannpartys gefeiert. Nichts gegen Diskos und Partys in der Innenstadt – aber es gibt doch auch noch Unterschiede im Niveau, oder? Die Eroberung des öffentlichen Raums mag geschäftstüchtig und für die beteiligten Firmen lukrativ sein, ist aber für die Innenstadt fatal. Denn Qualitätssicherung findet faktisch nicht mehr statt – oder wird einfach fortan von den jeweiligen Sponsoren unternommen, nicht mehr von den Bürgern oder deren gewählten politischen Vertretern.

Aufgabe von Kernkompetenzen

Dass sich die an der CIA beteiligten Firmen und Institutionen (sogar die Stadtregierung ist mit dabei) langfristig selber schaden, ist den meisten wohl nicht einmal bewusst. Die CIA, ursprünglich auch gegründet, um die Auswirkungen der City-Galerie am Vogeltor abzudämpfen, blockiert eine wirkliche, also inhaltliche Profilierung der Innenstadt und verwässert die Stadtentwicklung mit kurzfristigen Aktivitäten: Hüpfburgen und kostenlose Luftballons für Kinder statt Definition der Eigen- und Besonderheiten Augsburgs im Vergleich zu den vielen anderen mcdonaldisierten und karstadtverschönten Innenstädten oder Megaeinkaufshallen. Aber wo genau liegt der Unterschied zu all den anderen Innenstädten, mit denen Augsburg konkurriert? Wo der Unterschied zwischen der Augsburger Fußgängerzone und der City-Galerie?

Die Politik versagt kläglich dabei, die Richtung vorzugeben. Da nützt auch kein noch so großes “Forum Innenstadt” mit dem Ziel, eine bürgernahe Stadtentwicklung voranzutreiben, wenn die dort entstandenen Ergebnisse nicht durchgesetzt oder sogar aus Rücksicht auf Einzelhändler hintertrieben werden. Wenigstens kann man das aber nicht einzelnen Parteien ankreiden: Die Stadtentwicklung war auch unter der CSU-Regierung keinen Deut besser als unter der Regenbogenkoalition – das Scheitern hat Tradition. Und wie reagiert der Bürger, um den es eigentlich geht?

In Liebe treu …

Redet man mit einem Augsburger über seine Stadt, so sind zwei Phänomene zu beobachten. Zum einen gibt es einen unglaublichen, schier unerschütterlichen Patriotismus. Ein nibelungentreues Einstehen für seine Heimatstadt, das sich nicht einmal durch die unglaublichsten Geschehnisse – man denke z.B. an “Aphrodite”, Flughafen oder Straßenstöpsel – erschüttern lässt. Eigentlich eine Basis für eine vor Zufriedenheit strotzende Stadt. Zum anderen ist da aber dieser eigentümliche Selbsthass, diese selbstzerfleischende Überzeugung, dass Augsburg nur zweite Wahl sei.

Beide Phänomene resultieren aus dem gleichen Problem. Und das ist wohl Augsburgs ungeklärte Rolle: Ist Augsburg Oberzentrum der Lechebene – oder ein eher unbedeutender Bestandteil von “Greater Munich”? Liegt Augsburg in der kulturellen, wirtschaftlichen oder politischen Bedeutung näher bei Donauwörth – oder eher gar bei dem noch kleineren Gersthofen -, statt in der Topliga der europäischen Metropolen zu spielen? Woher kommt diese seltsame Grundüberzeugung, dass in Augsburg kulturell “nichts geht”? Schaut man in die einschlägigen Veranstaltungskalender, bekommt man doch eigentlich den Eindruck, dass man all die vielen Lesungen, Konzerte und Veranstaltungen gar nicht besuchen kann, die täglich in Augsburg angeboten werden.

Augsburg hat den enormen Bedeutungsverlust in seiner 2000-jährigen Geschichte nicht verkraftet. Um nicht historisch zu weit auszuholen, reicht es vollkommen aus, den Abstieg von einer freien Reichsstadt zur schwäbischen Bezirkshauptstadt zu beleuchten. In der Politik: Die Augsburger Abgeordneten im bayerischen Landtag oder auch im Bundestag spielen quasi überhaupt keine Rolle – egal in welcher Funktion, ob als Regierung oder als Opposition. Wichtige Entscheidungen (z.B. über die ICE-Strecke nach Nürnberg) laufen an Augsburg vorbei. Wirtschaftlich: der komplette Kahlschlag in der Textilindustrie, die Abwanderung wichtiger Firmenzentralen wie der von MAN nach München, der Verkauf der Traditionsfirma Haindl an einen ausländischen Konzern, ja letztendlich auch die Walter-Bau-Pleite: Das alles sind harte und kontinuierliche Schläge für das Augsburger Selbstbewusstsein – und nie gab es eine Form der Kompensation. Nur in der Vergangenheit ist man groß.

Wo verortet sich diese verdammte Stadt?

Ständig vergleicht man sich in Augsburg mit anderen bedeutenden historischen, kulturellen oder wirtschaftlichen Zentren – was die Anzahl der Brücken angeht, sogar mit Venedig: Ja, Augsburg übertrifft dabei sogar Venedig! Doch steht Augsburg in Augenhöhe mit diesen Städten? Und: Kann und muss es das überhaupt? Man hat doch ständig das Gefühl, dass Augsburg nicht da sein will, wo es ist – und nicht sein kann, was es sein möchte.

Die Verortung Augsburgs steht noch aus: Aber irgendwo zwischen Gersthofen und München wird Augsburg doch liegen. Irgendwie wird doch ein Selbstbewusstsein konstituiert werden können, das nicht von Minderwertigkeitskomplexen gespeist ist, sondern sich durch eine gesunde Selbstzufriedenheit ausweist. Ein Augsburg, das voller Anerkennung auf die große Schwester München schauen kann und die kleine Schwester Gersthofen liebevoll an die Seite nimmt.

Erschienen im a-guide Frühling/2005.

Nachtrag am 22.5.2005:

Zu den Ballermann-Parties gibt es hier noch einen Nachtrag: Mittlerweile hat der Augsburger Stadtrat beschlossen, dieses Jahr eine Max-Straßen-Party (Codename: Max’o5) nur zu erlauben, wenn diese stilvoller sei…

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