Nach der Stadtratswahl: To-do-Liste Kultur

Die Stadtratswahlen sind vorbei. Die Kulturszene befindet sich in Schockstarre: Soll doch tatsächlich das Kulturreferat mit dem Sportreferat zu einer Art „Freizeitreferat“ zusammengelegt werden. Und der Kandidat von ProAugsburg, der sich als Einziger im Wahlkampf sogar in Anzeigen gegen das Augsburger Theater und deren neuen Intendantin aussprach, soll ausgerechnet auch noch der Referatsleiter werden. Trotzdem: Gewählt ist gewählt – und egal, wie es jetzt dann auch engültig werden wird, es steht Einiges auf der To-Do-Liste. Folgend ein Artikel aus dem neuesten a-Guide (April/Mai), den ich zusammen mit Jürgen Kannler verfasste.

To-do-Liste Kultur
Von Jürgen Kannler und Horst Thieme

»Die Mehrheit der Augsburger hat den Politikern bei den Kommunalwahlen ihr Misstrauen ausgesprochen. Die beiden großen Parteien haben starke Verluste hinnehmen müssen. Die Grünen haben gewonnen, sind in unserer Stadt aber erst einmal abserviert. Hamburger Verhältnisse wollen sich hierzulande weder Schwarz noch Grün vorstellen. Ein Millionärsclub mit neu erworbenem Regierungsanspruch hat bewiesen, was niemand angezweifelt hat, nämlich dass alles und jeder Käufer finden kann, wenn nur die Werbebotschaft groß genug zu lesen ist. Und der neue OB heißt Kurt.

Die letzten Wahlplakate werden gerade aufgeräumt und wandern von den Straßen in die Depots der Parteien. Mit ihnen treten viele gut gemeinte Programme, seltsame Forderungen und nicht einlösbare Versprechen ihren Rückzug ins politische Nirwana an.

Um den neu gewählten Entscheidern ihre ersten 100 Tage zu erleichtern, sprach das Kulturmagazin a-guide mit wesentlichen Kulturmachern dieser Stadt und gibt den neuen Machthabern in Augsburg eine daraus resultierende »To-do-Liste Kultur« mit auf den Weg.

Aus dem mit Beispielen ergänzten 9-Punkte-Plan geht hervor, was die Protagonisten einer Kulturstadt von ihrer politischen Führung erwarten.

Außenwahrnehmung schärfen
Unsere Stadt verfolgt kein verbindliches Marketingkonzept. Im Gegenteil, die von Steuergeldern mitgetragenen Kampagnen von Institutionen wie der Regio Augsburg, der CIA oder der Augsburg AG laufen oft nebeneinander her, nicht miteinander. Hier werden Synergieeffekte verschenkt, der überregionale Auftritt unserer Stadt verwässert. Ein ähnliches Bild vermitteln auch rein städtische Einrichtungen. Beispiel: Ein Vergleich der öffentlichen Auftritte von H2 und Schaezlerpalais lässt nicht unbedingt die Zugehörigkeit der beiden Häuser zur selben Dachmarke »Kunstsammlungen und Museen Augsburg« vermuten.

Institutionen vernetzen

Um den Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu sein, braucht es eine stabile Vernetzung der Institutionen aus den Bereichen Bildung, Kultur und Soziales. Diese Einrichtungen müssen sich öffnen und in institutionalisierten Netzwerken vertraglich binden. Beispiel: Gemeinschaftserfolge wie »Rap for Peace« sind nur auf dieser Basis möglich.

Herausforderungen annehmen
Die sozialen und kulturellen Herausforderungen der Zukunft haben vor allem einen demografischen Hintergrund. Die wichtigen Fragen zur Problemlösung lauten: Wie geht man mit den älteren Mitbürgern um, wie mit Menschen mit Migrationsgeschichte, wie mit dem Wertewandel in der Gesellschaft und wie mit den vielfältigen Jugendszenen? Die Parität und die Partizipation der Menschen in und an der Vielfaltsgesellschaft müssen Leitmotive sein. Beispiel: Das Pax-Fest fördert das Wir-Gefühl in der Friedensstadt Augsburg.

Manpower schaffen
In unserer Stadt herrscht kein Mangel an geeigneten Kultureinrichtungen, sondern an deren Ausstattung mit genügend Manpower, um Inhalte zeitgemäß zu vermitteln. Es fehlt an Mitarbeitern im Bereich Museumspädagogik, an der Koordination jugendkultureller Schwerpunkte, an der Betreuung der Freiwilligenarbeit usw. Ein Ergebnis der dünnen Personaldecke ist beispielsweise die viel zu große Taktung zwischen den kulturellen Schwerpunkten in unserer Stadt mit starker Außenwirkung. Beispiel: Heute ist Zarensilber, aber welche Themen besetzt die Kulturstadt Augsburg im Sommer oder im Herbst?

Locations bewahren
Einige unserer bedeutendsten Kultureinrichtungen befinden sich in einem beschämenden, wenn nicht sogar gefährlichen baulichen Zustand. Wie können wertvolle Erfahrungen, die beim Aufbau des Kulturparks West oder bei der Sanierung des Maximilianmuseums und des Schaezlerpalais gesammelt wurden, zur Lösung der anstehenden Probleme eingebracht werden? Beispiele: Das Theater ist reif für eine Generalsanierung, in der Staatsbibliothek tropft der Regen durch das Dach und die Personalräume der Freilichtbühne sind ein Fall für den Kammerjäger. Gewachsene Kulturräume wie das alte Hauptkrankenhaus mit seinem vorbildlichen Mit- und Nebeneinander von Kultur, Sozialem, Gewerbe und Behörden unter einem Dach werden konzeptlos dem Verfall preisgegeben, die Verantwortung auf noch nicht benannte Investoren verschoben.

Umgangsformen pflegen
Die Hitzigkeit, mit der manche Äußerungen im Eifer des Wahlkampfgefechts fielen, muss schleunigst heruntergekocht werden. Mit den zum Teil persönlichen Angriffen auf Personen und Institutionen wurde von den Wahlkämpfern höchstwahrscheinlich der Sack geschlagen und der Esel gemeint. Die neue Regierung muss Spannungen in der Kulturszene ebenso aushalten wie die alte. Es steht keine Nacht der langen Messer an – sondern ein Miteinander für die nächsten sechs Jahre. Also müssen Stil und Anstand wieder in die Diskussion zurückkehren und zunächst Gespräche gesucht werden. Beispiel: eine höchst fragwürdige Anzeigenkampagne in der Stadtzeitung, gerichtet gegen die Intendantin am Theater Augsburg.

Glaubwürdigkeit vermitteln
Glaubwürdigkeit benötigt klare Konzepte. Kulturschaffende erwarten auf ihre Fragen klare Antworten und Etatsicherheit für die Fortführung ihrer Arbeit. Das 100-Punkte-Programm von Wahlgewinner Kurt Gribl trifft nur dünne kulturelle Aussagen. Pro Augsburg kündigte an, das Kulturreferat mit Sport und Citymarketing zu einer Art »Freizeitreferat« zusammenzulegen, und schoss ansonsten gegen die sogenannte Hochkultur. Nach der Wahl fragen sich jedoch alle: Wie geht es weiter mit den großen Reihen Brecht, Mozart und Pax? Das Textilmuseum und die Stadtbücherei stehen vor der Neueröffnung. Wird das Kulturbudget, das von Eva Leipprand ausgebaut werden konnte, gesichert oder sogar noch erhöht und werden von der Stadt bereits getroffene Zusagen eingehalten? Beispiel: Am Theater kann nicht noch mehr gespart werden, wenn in der bisherigen Form mit Musik-, Tanz- und Kindertheater sowie Schauspiel weitergearbeitet werden soll.

Jugendkultur fördern
Die Zeiten, in denen der Stadtjugendring nahezu im Alleingang Themen benennen konnte, die von der Stadtregierung als jugendkulturrelevant gehandelt wurden, sind wohl endgültig vorbei. Die CSU schaffte es, mit der Installierung der Popkommission im Wahlkampf den Begriff Jugendkultur thematisch zu besetzen, jedoch nicht inhaltlich. Die Popkommission hat Potenzial, bedient allerdings bei Weitem nicht alle Interessen und Strömungen der Augsburger Jugendlichen. Partys in der Innenstadt sind wichtig, aber längst nicht alles, was sich Jugendliche an kulturellen Angeboten wünschen, und Pop ist nicht die einzige kulturrelevante Thematik, die junge Menschen interessiert. Auch 15- bis 25-Jährige haben Lust auf Theater, Musik und bildende Kunst. Vor allem aber fordern sie endlich mit einbezogen zu werden, wenn Konzepte entwickelt und umgesetzt werden. Sie sind Teil der Jugendkultur, nicht nur ihre Kunden oder Besucher. Beispiel: Laut einer a-guide-Umfrage vom Sommer letzten Jahres unter 100 Augsburger Jugendlichen wünschen sich zwei von drei Befragten, aktiver Teil eines Jugendkulturfestivals zu sein.

Visionen zulassen
Kultur lebt von der Lust am Experiment, vom Blick über den Tellerrand hinaus und vom stetigen Austausch. Sie lebt von der Anerkennung der Gleichwertigkeit der Bedürfnisse, aber auch vom Mut zum Träumen und zum Scheitern. Ein Kulturbetrieb, der diese Bedürfnisse nicht bedient, ist wie ein toter Fisch, er fault vom Kopf her und beginnt zu stinken. Ein Kulturbetrieb jedoch, der diese Werte pflegt, kann ein guter Nährboden sein für starke Visionen, den Treibstoff für die kulturelle Entwicklung einer Stadt. Visionen müssen groß und können unbequem sein, sie dürfen bestehende Strukturen hinterfragen. Gute Visionen grenzen nicht aus, sie verbinden. Beispiel: Hier, liebe Kulturpolitiker, sollten bald Ihre Visionen für die Zukunft unserer Kulturstadt stehen.

  1. Arno Loeb

    also, ich hätte ja nix dagegen, wenn von den 10 oder 12 oder 15 millionen für das augsburger stadttheater mal auch andere augsburger künstler ein paar millionen abbekommen würden. am besten gleich alles. dann könnte hier mal gute kultur gemacht werden. das augsburger theater sieht seine abgesahnten millionen für selbstverständlich an. außerhalb von lechhausen und bärenkeller kennt es aber sowieso keiner mehr. das teuerste schlafzimmer der welt, hat jemand gesagt. zum schanrchenfür gymassiasten und verstaubte kulturbeflissene und stadträte, die auch mal eine freikarte wollen. mir perönlich würden gute gast-theater ab und zu reichen …
    wenn das der neue freizeit-referent bewerkstelligt, na, dann kriegt er von mir ein bier spendiert …

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