Lesung von Götz Aly in Augsburg: „Hitlers Volksstaat“

Walther SeinschEingeladen hatte die Stiftung „Erinnerung“ von Walther Seinsch. Zusammen mit dem Verein “Gegen das Vergessen – Für Demokratie” verleiht diese seit 1999 den “Marion-Samuel-Preis”, den Götz Aly im letzten Jahr erhielt. Der Name des Preises steht für ein jüdisches Mädchen, dessen Spur sich am 03.03.1943 auf dem Weg nach Auschwitz verliert.
Götz AlyGötz Aly hat anschließend und angeregt von diesem Preis in seinem Buch “Im Tunnel” das Schicksal des Mädchens erforschen können – und so hinter dem zunächst gesichtslosen Namen, der zunächst für das unbekannte Opfer stehen sollte, ein Lebenslauf stellen können. Götz Aly trug nun aus seinem neuen Buch “Hitlers Volksstaat” im Augsburger Rathaus vor.

Götz Aly betrachtet die NS-Diktatur aus einem Blickwinkel, der sie als Gefälligkeitsdiktatur zeigt. Die NS-Führer agierten als klassische populistische Stimmungspolitiker, die sich die Zustimmung des deutschen Volkes – und bestmöglich wenigstens deren Gleichgültigkeit – durch eine Fülle von Steuerprivilegien erkauften. Mit Millionen Tonnen geraubter Lebensmittel und mit der Umverteilung des “arisierten” Eigentums von verfolgten und ermordeten Juden aus ganz Europa ging es den Deutschen im zweiten Weltkrieg besser als je zuvor: Erhöhung der Renten, Einführung von Kindergeld, Ausgleichzahlungen für die Familie wenn der Mann eingezogen wurde, etc. pp.. Götz Aly weist nach, dass Europa verhungern musste, damit sich die Wehrmachtsoldaten in den okkupierten Gebieten billig mit Waren eindecken konnten, die sie dann nach Hause schicken konnten. Aly erforschte aber nicht nur den systemstabilisierenden Effekt dieses Kaufrausches – die materielle Zufriedenheit von Soldaten und Heimatfront und eine zumindest “passive Loyalität” der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung. Ebenso weist er nach, wie dieses System von vornherein von deutschen Finanz- und Wirtschaftsexperten erdacht und mit Hilfe der Wehrmacht installiert wurde.

Hitlers VolksstaatHitlers Regime erkaufte die Loyalität der Deutschen mit enormen sozialen Wohltaten und einer bis zum Schluss hervorragenden Versorgung (das 80% der Deutschen zum Beispiel nicht an den Kosten des Krieges durch Steuern oder weitere Abgaben beteiligte), und es bezahlte diese – auf verschlungenen, aber nachzuzeichnenden Wegen – mit dem Eigentum der Juden.

Einen ganz guten Überblick über erschienene Rezensionen gibt wie gewohnt die Webpage Perlentaucher.

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