Kultur macht Schule – Kultur- und Schulservice für Augsburg

KS:AUGWie kann man Kreativität bei Kindern fördern? Und wie kann die Stadt Augsburg – namentlich das Kultur-, das Sozial- und das Schulreferat dabei unterstützend wirken?
Die Augsburger Grünen luden am 11.7. zu dieser Frage in den Filmsaal des Augsburger Zeughaus ein, um mit Fachleuten und Interessierten zu diskutieren. Gemeinsame kulturelle Projekte von Schulen und freien KünstlerInnen oder kulturellen Institutionen selber sind zwar nichts Neues (Projekte wie Kreativität in der Schule – KidS – oder andere von dem Jungen Theater über die Palette zu anderen Aktionen). Dennoch: „Da ist derzeit etwas Spannendes im Gange: eine komplett neue Art der Zusammenarbeit von Schulen, Kulturträgern und sozialen Einrichtungen“, so Bürgermeisterin und Kulturreferentin Eva Leipprand in ihrer Begrüßung.

Bevor exemplarisch bereits bestehende Aktivitäten (zum Beispiel ein Theaterprojekt der Kapellen-Hauptschule oder das “Rap for Peace”-Projekt gemeinschaftlich von dem Augsburger Theater, dem Stadtjugendring und der Kresslesmühle) vorgestellt wurden, führte die grüne Stadträtin Martina Wild dem Publikum noch einmal kurz vor Augen, warum kulturelle Bildung so wichtig ist.

Soziale Bedingungen bestimmen kulturelles Verhalten
Schon früh prägten sich kulturelles und soziales Verhalten ein. Wer in seiner Schulzeit nicht in Museen gehe, werde mit hoher Wahrscheinlichkeit auch später als Erwachsener nicht dort anzutreffen sein. Wer als Kind nicht liest, wird auch später kein Zugang zur Literatur finden. Nicht nur das Alter sei aber wesentlich. Bei der Vermittlung kultureller Bildung könne zugleich eine deutliche schulische Selektion beobachtet werden, die auch die Übereinstimmung der von Schule und Eltern angeregten Jugendlichen erklärt. Während lediglich 49% der befragten Hauptschüler bzw. Hauptschulabsolventen während ihrer gesamten Schullaufbahn, also inklusive der Grundschulzeit, außerhalb des Fachunterrichts in der Schule kreativ tätig seien, liegt der Anteil der Gymnasiasten bzw. Abiturienten bei 72%.

Noch deutlichere Differenzen in der kulturellen Bildungsförderung einzelner Schulformen kann man im Fall der Besuche von Kulturveranstaltungen beobachten: Nur 15% der befragten Hauptschüler bzw. Hauptschulabsolventen hätten wenigstens schon einmal mit der weiterführenden Schule ein Theater, Museum oder Konzert besucht – im Vergleich zu 50% der Gymnasiasten bzw. Abiturienten.

Diese Divergenz ist schon in der Grundschule absehbar. Nur 25% der jungen Leute mit geringer Schulbildung hätten mit der Grundschule einen Kulturbesuch unternommen, dagegen 46% derjenigen, die eine höhere Schulbildung besitzen. Dies stärkt die Vermutung, dass Grundschulen in besser situierten Wohngegenden aktiver in der Vermittlung kultureller Bildung sind als in den weniger gut situierten Stadtvierteln.

Bildungsbarriere
Martina WildMartina Wild: “Man kann in der schulischen als auch der außerschulischen kulturellen Bildung eine deutliche Bildungsbarriere beobachten!” Junge Leute mit niedriger Bildung nutzten kulturelle Bildungsangebote wie Jugendkunstschulen, Musik- oder Ballettschulen kaum. Unter den Nutzern solcher Angebote liegt der Anteil der Hauptschüler bzw. Hauptschulabsolventen bei gerade einmal 8%. Auch wenn man hier – mit Blick auf mögliche finanzielle Hindernisse – einen erweiterten Kulturbegriff zugrunde legt und allgemein künstlerische Hobbyaktivitäten (beispielsweise Graffiti und Ähnliches) in die Betrachtung einbezieht, die junge Leute in Vereinen, mit der Jugendhilfe, in der Schul-AG oder mit Freunden bzw. alleine pflegen, wird der Anteil der jungen Leute mit niedriger Schulbildung mit 18% nicht wesentlich höher.

Potenziale für die Gestaltung der Ganztagsschule
Ganztagsschulen und Ganztagsangebote können nicht nur einen maßgeblichen Beitrag hinsichtlich der Chancengleichheit für „kultur- und bildungsferne“ Schichten, sondern auch und vor allem zur Förderung einer ganzheitlichen Entwicklung dieser SchülerInnengruppen leisten. “Wenn wir im Zusammenhang mit kultureller Bildung in ihrer ganzen Bandbreite der verschiedensten Sparten von Musik über Kunst, Theater, Tanz etc. von Ganztag sprechen, dann meinen wir einerseits die Ganztagsschule und andererseits die Chancen, dass ein Bildungssystem den ganzen Tag dauert, aber unterschiedliche Lernorte, Lernkontexte und unterschiedliche Organisationsformen hat. Das wiederum eröffnet die Perspektive, dass man die außerschulische Pädagogik, die Kinder- und Jugendkulturarbeit – auch vor dem Hintergrund von Kinder- und Jugendpolitik, Schulpolitik und die Kulturpolitik – als ein Bildungscluster definiert. Das bedeutet, dass Schule nicht mehr alle Bildung nur im Unterricht vermittelt – es gibt ja formale, informelle und nonformale Bildung -, und das soll sich in dem Begriff der Ganztagsbildung, woran die Ganztagsschule natürlich einen entscheidenden Anteil hat, auch ausdrücken”, so Wolfgang Zacharias, der stellvertretende Vorsitzende der Bundsvereinigung kulturelle Jugendbildung (BKJ) und Koordinator des Kultur und Schulservice München (KS:MUC). Insbesondere zur Gestaltung kreativer Ganztagsangebote brauchen Schulen dabei qualifizierte und kompetente Partner der kulturellen Kinder- und Jugendbildung.

Berichte aus der Praxis
Katharina Steppe, Leiterin der Augsburger Palette verdeutlichte den Zusammenhang zwischen Kreativität und Lebensplanung hin. “Schulung von Kreativität fördert den Möglichkeitssinn!”, so Steppe. Mit “Möglichkeitssinn” umschreibt sie die Fähigkeit, Visionen und Utopien zu entwickeln. Oder einfach gesagt: Wünsche zur Lebensgestaltung auszudrücken und den Mut zu finden, seinen Weg zu gehen. Am Beispiel des Projekts “Freiraum”, der Umgestaltung von einer leerstehenden Oberhauser Wohnung nach Themen (Unter-Wasser-Zimmer, Grusel-Zimmer, Jahreszeitenzimmer), zeigte sie auf, wie dabei die Kinder erst lernen mussten, selber Optionen zu entdecken und nach gemeinsamen Beschlüssen diese eigenen Ideen auch zu verwirklichen.

Daniela KarleEinen praktischen Einblick gab Daniela Karle, Rektorin der Kapellen-Hauptschule. SchülertheaterSchüler entwickelten zusammen mit dem Schauspieler Volker Stör (abraxas) und der Schulsozialarbeiterin Bilawski ein Theaterstück, das sich mit Drogen und Sucht auseinandersetzt – es wird bereits diese Tage im Kulturhaus abraxas aufgeführt.

Hansi RuileHansi Ruile, Leiter der Kresslesmühle, und Frau Baumiller-Guggenberger, Theater Augsburg führten in „Rap for Peace“ ein. Die Vision, TänzerInnen vom Theater und aus Jugendhäusern gemeinsam auf die Bühne zu bringen hat unglaubliches Interesse unter den Jugendlichen geweckt: Von der ersten Idee bis zur Umsetzung werden die TänzerInnen gemeinsam mit MusikerInnen der beiden Jugendhäuser kosmos und k15 an einer Produktion arbeiten. Auf die Bühne gebracht werden soll “Rap for Peace” an zwei Terminen im November in der Augsburger Komödie.

Peter BommasDie Notwendigkeit der zusammenarbeit wurde auch vom nächsten Redner unterstrichen. Peter Bommas, Junges Theater Augsburg stellte das Theaterpädagogische Zentrum im abraxas vor – nicht nur Jugendliche müssen herangebildet werden. Auch Lehrer müssen “am Ball bleiben” um die aktuellen Entwicklungen nicht zu verpassen.

Als Veranstalter von Literaturveranstaltungen durfte ich dann sprechen (wegen Poetry Slam Lauschangriff seit über 8 Jahren in Augsburg). Als besonders wichtig betonte ich, dass nicht nur sogenannte “Schüler-Kultur” organisiert werden darf, die auch nur in diesem Rahmen bestehen bleibt. Am Beispiel Poetry Slam zeigte ich auf, wie Schülerworkshops den monatlich stattfindenden normalen Poetry Slam durch neue, jüngere Teilnehmer inspiriere, sich damit also schon früh in die “Erwachsenen-Kultur” integriere und sich damit gegenseitig beeinflusse.

Es gibt also viele positive Beispiele und Modelle von Kooperationen zwischen Schule und Kultur. Dennoch sind diese Kooperationen zwischen Schule, Kunst, Kultur und Jugendhilfe längst nicht zufrieden stellend. Ihr Manko: in der Mehrzahl sind diese Modelle ohne strukturierte Verankerung, defizitär vor allem bezogen auf generelle Qualitätsentwicklung und Professionalisierung und es fehlt die systematische Moderation, Aktivierung und Qualifizierung der verschiedenen Partner. Und zudem die Modelle werden ohne regelmäßige Förderung auf den Ebenen von Stadt/ Land/ Bund realisiert.

Die entscheidende Frage ist damit, unter welchen Voraussetzungen Kooperationen zwischen Kultur- und Jugendinstituten, freien Kulturträgern und Schulen verbessert werden bzw. wie neue erweiterte und systematisierte Vernetzungen entstehen können.

Was tun?
Norbert Tessmer„Planst Du für ein Jahr, so säe Korn, planst Du für ein Jahrzehnt, so pflanze Bäume, planst Du für ein Leben, so bilde Menschen“ zitierte Norbert Tessmer, Dritter Bürgermeister, Kultur- und Sozialreferent der Stadt Coburg den chinesischen Dichter Kuan Chung. In Coburg wurde ein Projekt gestartet, das es so auch in Nürnberg und München gibt: Der Kultur- und Schulservice Coburg, oder kurz KS:COB.

PISA-Studien, Auffälligkeiten im Sozialverhalten, Kriminalität, mangelnde Ausbildungsfähigkeit, fehlende Schlüsselqualifikationen, schlechte Manieren bei Jugendlichen haben die Bildungs- und Erziehungslandschaft in Deutschland in Bewegung gebracht. Für Tessmer steht fest: “Bildung und Erziehung sind – trotz unterschiedlicher Zuständigkeiten – zentrale Aufgaben kommunaler Selbstverwaltung. Jugendhilfe und Schule sind die beiden wichtigsten, für die Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen zuständigen Bereiche!”

Kultur- und Schulservice Coburg
Kulturelle Bildung nimmt Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung und -bildung, bietet Grundlagen für die Entfaltung der eigenen Kreativität, des Vorstellungsvermögens, fördert das aktive Gestalten, sowie soziale und interkulturelle Fähigkeiten und Kompetenzen. Der Kultur- und Schulservice Coburg ist ein Vorhaben im Bereich kultureller Bildung und Kindertagesstätten/Schulen in der Stadt Coburg, das den Anspruch hat, ein ganzheitliches Netzwerk zwischen kultureller Bildung und der Kindertagesstätten- und Schullandschaft im Sinne nachhaltiger Wirkungen entstehen zu lassen.

Durch die Bereitstellung von finanziellen Ressourcen und einer Teilzeitkraft innerhalb des Kultur- und Sozialreferates ließ sich diese neue Institution schaffen, bei der sich LehrerInnen über kulturelle Programme informieren können, um diese in ihren Unterricht mit einzubauen.

Die Leitmotive des Kulturservice Coburg sind – neben dem Hauptziel der Steigerung der sozialen Kompetenz durch kulturelles Engagement – eine klare Erhöhung der Angebotstransparenz für Kinder und Jugendliche, der Vermittlung dieser Angebote zwischen Kindertagesstätten, Schulen, KünstlerInnen, Medien, Wirtschaft sowie Kinder- und Jugendarbeit und deren Vernetzung untereinander. Wichtig ist dabei aber auch die Absicherung von Qualitätsstandards für einen erweiterten “Kulturbegriff” und für eine “ganzheitliche Bildung”.

Grundlegende Vorraussetzung für die Schaffung eines solchen Netzwerkes, so betonte Tessmer wiederholt, sei die gute Zusammenarbeit der betroffenen Referate Kultur, Soziales und Bildung der Stadt Coburg gewesen. Nur, wenn man zusammenarbeite, ließe sich so ein Ziel erreichen – Kompetenzgerangel und persönliche Eitelkeit hätten hier keinen Platz. Abschließend betonte Tessmer noch einmal das Hauptziel und ließ dabei Luther das letzte Wort: “Nun liegt das Gedeihen einer Stadt nicht allein darin, dass man große Schätze sammle, feste Mauern, schöne Häuser, viele Geschütze und Harnische herstelle. Ja, wo das viele tolle Narren vollbringen, ist es desto ärger und desto größerer Schaden für diese Stadt. Sondern das bedeutet einer Stadt bestes und allerreichstes Gedeihen, Heil und Kraft, dass sie viele feine, gelehrte, ehrbare, wohlerzogene Bürger hat.”

Den Vorbildern der Städte München, Nürnberg und Augsburg folgend ist das Ziel deshalb, auch in Augsburg unter Federführung des Bildungsreferats in Zusammenarbeit mit dem Kultur- und Sozialreferat eine kommunale Plattform für Kinder- und Jugend(kultur)einrichtungen zu schaffen, damit der Bereich Kultur einerseits als gleichberechtigter Partner an der zukünftigen Gestaltung von Schule mitwirken kann, und sich Schule andererseits in die Lebenswelten der Künste und Kulturen der Stadt weiter öffnet.

Update: KS:AUG – Verknüpfung von Schule und Kultur in Augsburg vom 6.2.2007

  1. Kommentar zu Kultur macht Schule - Kultur- und Schulservice für Augsburg von e-Thieme » Blog Archive » KS:AUG - Verknüpfung von Schule und Kultur in Augsburg

    […] Wie schon im Beitrag Kultur macht Schule – Kultur- und Schulservice für Augsburg geschrieben, ist ein Kultur- und Schulservice auch für Augsburg hocherwünscht. Am 14.02.2007 um 19:00 Uhr findet nun im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses die Auftaktveranstaltung zu KS:AUG statt! KS:AUG ist dabei der Markenname für den aktuellen Kultur- und Schulservice Augsburg, angelehnt an die schon bestehenden Serviceeinrichtungen KS:BAM (Bamberg), KS:COB (Coburg), KS:MUC (München) und KS:NUE (Nürnberg). […]

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