InThiemes: Schmollst du noch – oder liebst du schon? (Glosse)

InThiemes: Schmollst du noch - oder liebst du schon?Es ist Weihnachten. Das Fest der Liebe. Aber etwas ist anders in diesem Jahr. Die Leute scheinen es dieses Jahr ernster zu nehmen als je zuvor und haben wirklich Frieden mit ihren Nächsten geschlossen. Schlägt man die Heimatzeitung auf, lächeln einem schon auf dem Titelbild OB Wengert und MP Stoiber Wange an Wange entgegen – so innig konnten früher weder Menacher, Kränzle und Co. mit unserem Landesvater Händchen halten. Das gleiche Blatt überschüttet die Kulturreferentin Leipprand mit Lobgesängen. Nur ein Jahr zuvor hatte es noch eine Schmutzkampagne nach der anderen gegen die Stadtregierung losgetreten. Aber auch die oppositionelle CSU hat es erwischt. Sie versucht mit der IHK wieder Liebkind zu werden und hat deswegen dem Augsburger Wirtschaftsverband fest versprochen, auf keinen Fall einen CSUler als Bürgermeisterkandidaten aufzustellen. Die SPD tritt geschlossen als Mitglied in die Stadtbücherei ein, die Grünen tragen ihre alten Strickpullover auf und die FDP findet es gut.

Und weiter gehts: Das Trinkgelage in der Maxstraße wird auch ohne Harry Winderl´s Beteiligung Max07 heißen. Das alte PowWow am Katzenstadel wurde doch nicht zu Rudis Resterampe. Und auch im Sport tut sich was: Beim Eishockey zeigen sich Männer auch von ihrer weichen Seite und verlieren gerne einmal. Und im Fußball werden jetzt die 60er-Fans wöchentlich ins Augsburger Stadion eingeladen. Gut, Letzteres nicht ganz selbstlos, da ihre Anwesenheit schließlich Abbruchkosten spart und den Stadionneubau beschleunigt. Ja sogar das Wetter macht keine Ausnahme und schickt letzte sommerliche Wärme nach Augsburg.

Und auch der einfache Bürger ist glücklich: Pärchen laufen fest umklammert, selig strahlend durch die Augsburger Gassen. In ihren Armen halten sie fürsorglich ein Buch. Ist es die Pax Augustana? Die Bibel, der Koran oder womöglich die Bhagavad Gita? Nein, es ist etwas anderes. Etwas, was manche “DEN Katalog” nennen und andere ehrfürchtig “die IKEA-Bibel”!

Der schwedische Wohlfühlmöbelkonzern ist nach Augsburg gekommen und hat diese Stadt verzaubert. Die ruhige, gefasste und stets freundliche schwedische Mentalität hat sich in Augsburg verbreitet. Der Umgangston ist leichter geworden. Die nächste schwedische Harmoniewelle steht schon an: Der Stadtrat berät bereits eifrig, wie man die Schwabenmetropole noch schwedenmetropoliger werden lassen könnte. Gewöhnlich gut unterrichtete Kreise munkeln von anstehenden Umbenennungen, angefangen bei Bårtbråcht- und Mözårt-Reihe. Das Stadtwappen wird in Zukunft die Zirbelnuss mit zwei gekreuzten Inbusschlüsseln zeigen. Und die Maximilianstraße wird nun doch entgegen allen Erwartungen nicht in Dönergasse umbenannt – sie wird jetzt schon bald Köttbullar-Allee heißen.

Im Gegenzug bringt IKEA passend zum nächsten Friedensfest eine Neuauflage der Schrankreihe PAX heraus (gibt es in verschiedenen Farben und auch zum Selberanmalen). Geplant ist, dass die Friedenstafel am Rathauplatz mit einem gemeinsamen Aufbauen der Stühle und Tische beginnen soll.

Auch die schwedische Nationalhymne “Du gamla, Du fria” hat Augsburgs Herz ergriffen: “Du thronst auf der Erinnerung großer, vergangener Tage / da dein Name geehrt durch die Welt flog. / Ich weiß, dass du bist und du bleibst, was du warst.” Schöner kann auch ein Augsburger die reichsstädtische Vergangenheit nicht beweinen. Deswegen geh in dich, oh Augsburger: Schmollst du noch – oder liebst du schon?

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in der November-Ausgabe des aGuide Augsburg. Dort gibt es auch noch andere tolle Artikel, Informationen und Preisausschreiben…

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