InThiemes: Narrenschiff, ahoi!

Bischof MixaIm Augsburger Fasching ist nichts los! Falsch, das war vielleicht einmal. Am 11.11. war ich auf einer Prunksitzung der besonderen Art. Der Raum war närrisch dekoriert und mit Besuchern vollgestopft. Die Funktionärsriege unserer Karnevalsvereine war vollzählig angetreten, um gemeinsam die fünfte Jahreszeit einzuläuten! Spruchbanner mit »Lach am Lech«, »Datschiburg – heu, hoi«, »Tunnel statt Chaos« und »Hollaria ahoi« hingen von der Decke.

Plötzlich machte sich Unruhe breit. Mit einem Knall schlagen die Türen auf und der erste Büttenredner des Abends bahnt sich den Weg quer durch den Saal. Es ist kein Geringerer als der Militärseelsorger Walter Mixa, der Bischof von Augsburg, verkleidet als Küchenmaschine. Unter dem lauten Humpa der Blaskapelle zwängt er sich durch die Massen. Am Rednerpult angekommen schnarrt er im Kasernenhofton »Gebärmaschinen!« und »Umerziehungslager!«, immer nur kurz unterbrochen von einem lautem Tataaaaa der Karnevalsmusiker. Das vom Glühwein rotwangige Publikum beklatscht höflich den wirren Beitrag.

Nach einer kurzen Pause legen sich die Musiker wieder ins Zeug. »Keine Macht für niemand« von Ton, Steine, Scherben ist die Erkennungsmelodie von Rednerin Nummer zwei. Grell geschminkt und mit leuchtenden Haaren betritt sie die Bühne. Sie legt nicht viel Wert auf Verkleidung. Spontan geht Claudia Roth auf ihren Vorredner ein und ruft »Spalter!« ins Publikum. Ein lautes Johlen der alkoholisierten Menge folgt. Schon selbstsicherer ruft die Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen: »Oberfundi!« Brausender Applaus! Sie holt tief Luft und schreit: »Durchgeknallt!« Eisige Stille folgt … Mixa stürmt auf die Bühne und schreit: »Nazi!« und »Nicht wählbar!«. Roth antwortet: »Sie aber auch nicht!« und »Pol Pot!«.

Die beiden schubsen einander, zerren sich an den Haaren und bespucken sich. Das Publikum feuert an und freut sich – endlich mal richtig was los im Augsburger Fasching! Spontan verwandeln Bühnenarbeiter das Podium in einen Boxring, in dem die Schlammschlacht weitergeht.

Jetzt schreite ich ein. Bevor sich noch jemand im Saal ernsthaft verletzt und es zu Tränen kommt, wähle ich die Nummer des Augsburger Gemüse/Obst-Referenten Klaus Kirchner. Er sitzt selbst spätabends noch in seinem Büro, vor sich sein rotes Notfalltelefon, um Hinweise aus der Bevölkerung gegen renitente Raucher, Randalierer und Radlfahrer aufzunehmen. Freudig begrüßt er mich, anscheinend hat schon lange keiner mehr bei ihm einen Mitbürger verpfiffen. Kurz erkläre ich die Sachlage und er verspricht, den städtischen Ordnungsdienst sofort in Bewegung zu setzten. 28 Mann stark rückt die Truppe im Mannschaftswagen aus!

Als sie im Festsaal ankommt, wälzen sich die Streithähne noch immer raufend auf dem Boden. Während die Ordnungshüter tatkräftig einschreiten, steht Kirchner neben mir, trinkt einen Schluck Glühwein und beißt kräftig in eine Bratwurst. Während die beiden Kombattanten mit frischen Windeln und Milch versorgt werden, wende ich mich verschämt ab und verlasse die Szene. Vor der Tür treffe ich den Referenten wieder. Stolz zeigt er auf sein nagelneues Blaulicht samt Martinshorn (schließlich hat der Heilige heute Namenstag), das er bei Bedarf auf das Dach seines zivilen Dienstwagens montieren kann. Und es macht »Wieeeeep, Wieeeeep, Wieeeeep …«.

Wieeeeep? Auf Kirchners Auto ein Blaulicht? Das kann nicht sein, die Regierung von Schwaben hat es ihm doch verboten! Schreiend wache ich auf und schalte meinen Wecker aus. »Puuuuuh«, sage ich und atme auf. Gott sei Dank, alles nur geträumt. Der Bischof, die grüne Politikerin und unser Ordnungsreferent würden sich doch nie im Leben so benehmen.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in der Dezember-Ausgabe des aGuide Augsburg. Dort gibt es auch noch andere tolle Artikel, Informationen und Preisausschreiben…

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