A slammin‘ Blog Entry

Seit fast 25 Jahren bin ich in der Augsburger Literaturszene aktiv. Als Leser, als Zuhörer bei Lesungen – aber auch als Organisator von Events. Während mir als gerade-noch Teenager die Literaturszene der Stadt als extrem öde vorkam, hat sich das Bild bei mir enorm gewandelt. Augsburg ist jetzt eine vibrierende Literaturstadt geworden. Woran liegt das?

Zuschauer 2

Ich weiß noch genau, wie fade auf uns damals Augsburg wirkte. Alle paar Wochen gab es mal eine interessante Lesung – meistens im Gespann von Kurt Idrizovic und Arno Löb organisiert (Spätlese, Literatur im  Biergarten, Kriminächte und vieles mehr), manchmal auch von anderen Buchhandlungen der Stadt. Alle paar Wochen gab es mal eine Lesung. Sonst war nicht viel los. Achja – Trash rockte (schon in den 80ern war Bommas in der Popkultur aktiv), Dobler schrieb schon. Aber mal ehrlich: Es war doch wenig los, oder? Als Wolfgang Kunz dann als Literaturbeauftragten für die Stadt eingestellt wurde, gab es plötzlich spannende Lesungen in der Kresslesmühle. Aber das währte nicht lange und die Stelle wurde nie mehr neu besetzt.

Zeitriss - Blätter zur SprachbewegungWir, eine Gruppe um Gerald Fiebig, Jürgen Jäcklin und meine Wenigkeit, waren jung und verblendet genug, um damals eine eigene Literaturzeitschrift herauszubringen: Zeitriss – Blätter zur Sprachbewegung. Die hatte dann auch nach ein paar Jahren eine Auflage von 600 Stück und wurde deutschlandweit vertrieben (siehe auch Augsburger Allgemeine vom 25.10. zu unserer Revival-Lesung) – wurde sogar mit dem Augsburger Kunstförderpreis 1995 ausgezeichnet. Aber das war hartes Brot – und nicht immer einfach, Leser für Literatur von und für junge Literaten zu finden. Das war notwendig damals, weil es nichts anderes gab. Auch kein Internet.

Schaut man heute in die einschlägigen Veranstaltungskalender hat man den Eindruck fast an jedem Tag auf mindestens eine Lesung gehen zu können. Von kleineren Lesezirkeln zu großen Lesungen (ob im Hofmannkeller, Sensemble Theater oder im Planetarium) und natürlich Poetry Slams gibt es fast immer etwas, meistens sogar mehrere Angebote am Tag. Geschrieben, gelesen und zugehört wird anscheinend den ganzen Tag über.

Und auch die Anzahl der regionalen Blogger und Blogbeiträge nimmt gewaltig zu. Als ich zusammen mit Jan Kuntoff (leider für uns jetzt in Hamburg) 2007 „Augsburg schreibt“ (dann umbenannt zu blokal.de gründete (einem Aggregator für Blogs), waren es vielleicht 30, 40 Blogger, die die Augsburger Netzwelt bereicherten. Heute sind es äh wieviele genau?

Ich denke, dass das Zusammenspiel von neuen Formaten, neuen Medien und auch von vielen Literaturreihen der letzten Jahren Augsburg verändert hat (unvergessen die ABC Reihe von Albert Ostermair zu den Brechtfestivals). Die Popularisierung von Lesungen z.B. durch Poetry Slam-Elemente haben enorm dazu beigetragen hat, im Publikum eine Begeisterung für Literatur auf der Bühne zu steigern.

ZuschauerWorin begründet sich das? Nun, für mich liegt das an dem partizipativem Element von der Slam-Bewegung. Die Kulturtheoretiker unterscheiden zwischen „lean forward“ und „lean back“. Fernsehen etwa ist ein „lean back“-Medium, bei dem man sich zurücklehnt und berieseln lässt. Eine klassische Lesung ist das auch.

Slams sind ein „lean forward“-Phänomen, weil die Leute mitmachen können. Jeder darf seinen Hut in den Ring schmeißen und einfach mitmachen – ohne Filter! Das gilt aber auch für das Publikum: Es muss nicht still sitzen, brav applaudieren und danach vielleicht noch ein Buch kaufen. Hier darf, ja muss man tatsächlich mitmachen, weil man dauernd gefragt wird: wie fandest DU das denn, was ist DEINE Punktewertung, willst du den noch mal hören. Ruf „Buh“ oder applaudiere und trample, wenn es Dir gefällt! Das lässt einen nicht kalt, das geht gar nicht. Bei einem Slam einfach dabeizusitzen und abzuwarten, ist schwer, weil man immer einbezogen wird, entweder als Akteur, der teilnimmt, oder als Publikum.

Zum zweiten ist Poetry eine Plattform, bei der Autoren sich ausprobieren können und ihr Publikum finden. Denn nicht jeder von all den Menschen, die schreiben, geht auch gleich zu einem Verlag. Hier kann man schnell Feedback erhalten. Ehrlich und ungeschminkt.

Eigentlich ähnlich wie bei einem Blog. Oder um genau zu sein: GENAUSO wie bei einem Blog. Unmittelbar, ungefiltert, im Moment: Mal ein Essay, mal ein Wutrausch. Mal lustig, mal melancholisch. Für mich gibt es hier einen Zusammenhang: Es geht bei beidem um Authentizität. Hochglanz kann jeder – zumindest mit viel Geld. Aber echt, das kann man nur als Einzelkämpfer, der sich der Masse stellt.

Bildschirmfoto 2015-10-16 um 13.51.03Jetzt holen wir vom 3.-7. November fast 250 Poetinnen und Poeten nach Augsburg, um dort die Deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam auszutragen. Ohne dass bisher auch nur ein Plakat hängt oder Anzeigen geschaltet worden sind, ist das Finale am 7.11. bereits ausverkauft. Und die Halbfinale/Teamfinale am 6.11. sind auf einen guten Weg dahin!

Hast Du auch das Gefühl, dass sich die Literatur-Szene in Augsburg zum Positiven verändert hat? Woran liegt das? Es würde mich freuen, von Dir einen Kommentar zu lesen!

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